13.-18. Mai 2013 / erste 950 km in Russland mit Besuch von Volgograd

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Gespannt rollen wir von Lugan'sk (UA) her kommend am Montag, 13.5.13, an die Grenze der russischen Föderation. Eine Haftpflicht-Versicherung für unsern Camper haben wir uns kurz zuvor an der ukrainischen Grenzstation von Krasnodon (EUR 125.- für 4 Monate Versicherungsschutz) beschafft. Eine zackige Beamtin verteilt uns Immigration Cards in immerhin kyrillisch, russisch und erst noch englisch zum Ausfüllen und kontrolliert dann genau, ob alle Felder lückenlos ausgefüllt worden sind, bevor sie die Schranke öffnet. Ein in tadellos sitzender Sommer-Uniform gekleideter Beamter, der zu unserer Ueberraschung perfekt deutsch spricht, nimmt sich unverzüglich unserer Pässe an, prüft die Visa und scannt sie ein. Beim Zoll geht es dann weniger flott vonstatten. Sven und Katja, die Schweizer mit denen wir momentan zusammenreisen, müssen an und in ihrem Landrover fast alle Kästchen und sogar die Boxen auf dem Dach öffnen. Wir kommen glimpflicher davon. Zwar nähert sich ein Beamter mit einem Labrador-Hund, der dann aber gar nicht erst zum Einsatz kommt. Vielmehr vertieft sich der Beamte in unser Nécessaire mit den verschiedenen harmlosen Medikamenten und überzeugt sich, dass darunter versteckt kein "dope" eingeführt wird. Nachdem ihm beim Kontrollieren eines "Chuchichästli" beim Oeffnen noch die Suppenbeutel auf den Kopf gefallen sind, bricht er die Uebung ab. Der zur Einreise gehörige Schriftverkehr gestaltet sich allerdings wesentlich schwieriger. Wir erhalten 2 kyrillisch-russische Zettel in die Hand gedrückt. Aber selbst nach Studium der aufgehängten Muster sind wir alle vier überfordert. Glücklicherweise hat ein freundlicher Beamter ein Einsehen und erinnert sich, dass gar noch Formulare in Deutsch vorliegen. Diese füllen wir pflichtbewusst aus, nur dummerweise je eines pro Person anstatt die zwei für den Besitzer des Fahrzeuges zu verwenden. Aber schliesslich sind nach 1 ½ Std. alle nötigen Stempel eingeholt und Russland empfängt uns offiziell. Nicht, dass wir einen grossen Unterschied zur Ukraine bei den kleinen Ortschaften im eher ärmlichen Grenzgebiet ausmachen könnten. Aber im Verlaufe unserer Weiterfahrt auf der E40/M21 nach einem entspannten Mittagshalt nehmen wir positiv überrascht die viel besseren Teerstrassen zu Kenntnis. Ueber Kilometer werden entlang der Hauptverbindung überall die Abfälle eingesammelt und das hohe Gras und Unkraut der Seitenborde in Sysiphus-Arbeit bearbeitet.
In alt bekannter Manier schlagen wir uns am Abend auch im neuen Land, nach unserer Zeitrechnung wegen des Vorstellens der Uhren um 1 weitere Stunde, entsprechend früher in die Büsche. Seit Ungarn hören wir morgens und abends immer Kuckuck-Schreie. Fast kommt es uns vor, dass irgend so ein Viech mit uns mitreist respektive uns verfolgt.

 

Zwar haben wir noch keinen einzigen Rubel im Portemonnaie, aber die Plastikwährung sprich Maestro-Karte ermöglicht es uns auch hier, trotzdem zu Diesel zu kommen. Wir überqueren den Don, legen eine kurze Rast ein bei Kalach-na-Donu und finden uns nach wenigen Kilometern später in unglaublich dichten, sich stauenden Verkehr in den süd-/westlichen Vororten von Volgograd. Wir hatten uns die 1-Mio.-Stadt grossartiger vorgestellt und sind etwas enttäuscht von der tristen Atmosphäre, den vielen nicht mehr genutzten Industriebauten an der Peripherie sowie von den schlecht unterhaltenen Wohnhäusern und Gebäuden generell. Im Hof des zentral gelegenen Intourist-Hotels sollte man laut andern Reiseberichten stehen können, aber an der Reception des phantasielosen Hotelklotzes aus der Stalinzeit will man nichts davon wissen. (Kunststück - gemeint war, wie ein späteres nochmaliges Recherchieren erweist, das Tourist Hotel!!). Wir beschliessen, unsere auf dem Randstreifen der Seitenstrasse geparkten Fahrzeuge der Einfachkeit halber gerade da stehen zu lassen und uns zu Fuss zu einem ersten Augenschein des Stadtzentrums aufzumachen. Noch alle amtlichen Gebäude, der Hauptbahnhof und vor allem auch die Memorials und Parkanlagen sind vom kürzlichen Tag des Sieges am 9. Mai her mit roten Flaggen geschmückt. Wir durchstreifen im Baumschatten, denn das morgendliche Grau ist Sonne und Temperatur bis 30oC gewichen, die Alleya Geroyev und stehen bald am Ufer der legendären Volga. Wir vervollständigen die Runde über den prosp. Lenina und landen im Grand Café beim Volgograd Hotel. Erfreut lassen wir uns im Freien nieder und wollen den lauen Sommerabend und ein feines Nachtessen geniessen. Während der Mahlzeit harren wir unerbittlich aus. Aber zum Kaffee wechseln wir ernüchtert, da uns die Moskitos trotz Mückenspray fast fressen wollen, ins unangenehm air-conditioned Innere.
Am Mittwoch-Morgen offerieren wir das Frühstück in unserem Camper, da Sven und Katja ja nicht gut mitten in der Stadt ihre Lade herunterlassen, im Freien ihre obligaten Spiegeleier brutzeln und verzehren können. Ab heute trennen sich unsere Wege, denn sie bleiben in Russland und reisen nach Volgograd in nördlicher Richtung weiter.

 

Wir machen uns Besichtigung der lokalen Sehenswürdigkeiten auf. Die einzige Linie der Stadt-Metro bringt uns für 15.- Rubel (=CHF -.50) pro Kopf 3,5 km raus zum Mamaev Kurgan. Dieser einstige Hill 102 der Schlacht um Stalingrad im II. Weltkrieg kostete während der 4-monatigen Kämpfe über 1 Mio. nur schon russische Soldatenleben, von den deutschen gar nicht zu sprechen. Ihrer wird in einem Pantheon gedacht, welches man über einen riesigen mit roten Flaggen gesäumten und mit Reliefs von Kampfszenen geschmückten Treppenaufgang erreicht. Ehrenwachen stehen bewegungslos an den Eingängen. Die ganze grosszügige Anlage mit grossen Wasserbecken und Springbrunnen wird von der 72m hohen Mutter Russland-Statue überragt, deren gezücktes Schwert noch weitere 11m über ihr endet.
Mit dem Bus lassen wir uns zur pl. Lenina zurückschaukeln. Für diese Fahrt legen wir je nur 12.- Rubel aus. (Gleichviel würde übrigens ein Aufsuchen einer öffentlichen Toilette inkl. WC-Papier kosten.) Wir besuchen das Museum of Defence, dessen moderne Ausstellung authentische Ausrüstungs-Gegenstände, alte Dokumente und Fotos und vor allem das berühmte Stalingrad-Panorama zeigt.

 

Zur Mittagszeit werfen wir den Camper an und verlassen nach einem Zwischenstopp in einem der grossen Supermarket auf der Ausfallstrasse Volgograd. Die R22 bringt uns direkt auf die Brücke und somit zum idealen Aussichtspunkt auf die erste Schleuse des Volga-Donau-Kanals. Ein grosser neoklassischer Bogen markiert den Anfang der Verbindung des Weissen mit dem Schwarzen Meer durch diese mit über 200'000 Kriegsgefangenen und Gulag-Insassen gebauten künstlichen Wasserlauf. Dem Verlauf der breiten Volga folgen wir südwärts bis zu unserem Campplatz bei Solodniki. Manövriert man beim Parken in dieser steppenartigen Gegend, entsteigt den zerdrückten Pflanzen ein intensiver Geruch. Nur hält leider dieser Duft des Wermuts dann die vielen zuckenden Mücken doch nicht fern.
Heute mal zur Abwechslung ein russisches Internezzo mit der Polizei. Für eine fliegende Streife ist Fredy zu schnell gefahren. Angebracht wäre für uns Ausländer eine Busse in Höhe von geschlagenen USD 50.-! Nachdem Fredy demonstrativ seine Lesebrille und ein Block mit Stift geholt und die Personal-Nummer der beiden Schlawiner notiert hat, trennt man sich dann doch kostenlos als Freunde mit einem Handschlag und akzeptiert auch, dass wir keine "surprise" dabei haben und verteilen können. 60km vor unserem Tagesziel warnt die orange Lampe, dass der Tankinhalt langsam zu Ende geht. Kein Problem für uns mit unseren drei Dieseltanks und der obligatorischen eisernen Reserve – es sei denn, man habe vergessen, die Verbindungsleitung zu schliessen! Eine Tankstelle in hilfreicher Distanz wird nicht angezeigt. Doch gerade als der Iveco die ersten Treibstoff-Unterbrüche mit Stottern markiert, erblicken wir bei Zamyany ein rot-weisses Dach und darunter gottseidank Zapfsäulen, die wir mit dem vermutlichen letzten Liter Sprit erreichen.

Unsern Standplatz in Astrakhan finden wir in der Krasnaya Naberezhnaya in nur wenigen Metern Distanz zur Volga und zur Promenade ul. Kremlevskaya. Nach einem weiteren heissen Tag mit Temperaturen bis zu 31oC benutzen wir die abendliche Gelegenheit zu einem Spaziergang unter Einheimischen, die sich mit Kind und Kegel, weniger zum Konsumieren denn zum Sehen und Gesehen werden, hier einfinden.
Freitag Morgen, 17.5., besuchen wir den bekannten Kremlin aus dem 16. Jht. auf dem Zayachy Hügel. Leider wird das ganze Gelände innerhalb der weissen Befestigungsmauern mit seinen drei markanten Eingangs-Türme umgekrempelt und die Wege und Parkflächen neu gestaltet. Unser Besuch beschränkt sich deshalb auf ein kurzes Pilgern durch die pudrigen Staubflächen und auf den Besuch der schönen Assumption Kathedrale. Via die kleine Fussgängerzone ul. Kirova gelangen wir zurück zum geparkten Camper.
Zwei Probleme wollen wir hier in der 500'000 Einwohner-Stadt erledigen:
Der Schlauch hinten rechts verliert ständig leicht Luft. Auf unserer Irrfahrt durch die Stadt halten wir zum Fragen genau bei der richtigen Tankstelle. Ihr vis-à-vis steht eine kleine Bude mit einem freundlichen Chef. Zwar schreckt er beim Anblick der grossen Reifen und der Sprengring-Felgen vor dem Krampf einer Schlauchreparatur erst einmal zurück. Aber als Fredy ihm keine Möglichkeit zu Kneifen lässt, indem er sofort Werkzeug auspackt und mit zugreift, ist er mit von der Partie. Und zu guter Letzt, wo wir wegen seiner Unannehmlichkeiten mit einem gesalzenen Preis gerechnet haben, will er auf keinen Fall eine Entschädigung für seine Mitarbeit, den Flicken und die Luft. Also bezahlen wir ihn halt mit einer Hand voll Schweizer Schokoladen-Stängeli, über die er sich riesig freut.
Unser Wäschesack war übergequollen. Mit Hilfe eines Taxifahrers lokalisierten wir gestern ein kleines Geschäft, eher eine Ablage einer Chemisch Reinigung und Aenderungs-Schneiderei, wo man unsere schmutzige Wäsche entgegennahm und sie uns bis heute um 16.ooh sauber zurück versprach. Pünktlich um 16.ooh erscheinen wir da wieder, um noch vor dem Wochenende die sauberen Kleider abzuholen. Zwar sind sie gewaschen und nur die dicken Stücke, die dekorativ im kleinen Geschäft über Tür und Gestelle drapiert sind, angeblich noch nicht ganz trocken. Als wir aber im Auto die Wäsche versorgen wollen, merken wir, dass eigentlich noch alles feucht, wenn nicht gar noch nass ist, und wir uns etwas einfallen lassen müssen . Wir finden einen sonnigen und da geteert heissen Hinterhof, wo Fredy unsere Wäscheleine aufspannt und sie mit der ganzen Laldung bestückt. Keiner der Anwohner oder Passanten kümmert sich um uns, die wir nach etwa 1 ½ Std. wieder zusammenpacken und zu unserem Stamm-Standplatz zurückkehren.
Anscheinend pflegen wir da direkt vor dem Standesamt zu stehen. Zwei weisse geschmückte Limousinen stehen da, wo wir gerne parken würden. Verwandte teilen Rosenblätter zum Streuen unter sich auf, und kurz danach tritt eine blutjunge hochschwangere Braut am Arm eines gesetzteren Bräutigams ins Freie, wird beglückwünscht und danach unter Gehupe wegchauffiert.
Im nahen Restaurant an der Volga essen wir heute im ersten Stock mit Aussicht auf die abendliche Promenade auswärts. Die Menuekarte gibt's nur in Kyrillisch, denn wenn verirren sich schon ausländische Touristen ausgerechnet in dieses Lokal. Aber eine freundliche Kellnerin kann genug französisch, um uns nach unseren Wünschen zu fragen und zu bedauern, dass "mouton" schon ausverkauft ist und wir mit Schweinefleisch vorlieb nehmen müssen.

Samstags dislozieren wir durch die morgendlich ruhige Stadt zum McDonald, wo wir den Camper so parkieren können, dass ich mit dem LapTop guten Wifi-Empfang habe. Trotz relativ guter Verbindung beansprucht das Aufladen der vielen Fotos und Dateien recht viel Zeit, umso mehr als ich im Reisebericht Ukraine, etwas ausser Uebung im Erstellen, noch einen Bock ausbessern muss. Mein Gemahl sitzt derweil gegenüber, bearbeitet sein LapTop und erledigt via Skype die Telefone mit Familie und Freunden in der Schweiz. Dazwischen grummelt und brummelt er die ganze Zeit, wie schnell die Zeit verfliesse und ob wir heute überhaupt noch aus der Stadt herauskämen, dass wir dann wohl zwischen den beiden Grenzen stecken bleiben würde, falls die Kazachen daran dächten, heute Samstag frühen Feierabend zu klopfen (anstatt als Zwischenverpflegung mal einen Capuccino oder gar einen BigMac zu besorgen um meine Konzentration zu erhöhen).
Um halb zwei Uhr rasen wir mit Einkaufswagen durch den nahen Okey Supermarket – so schnell haben wir noch nie unsere Siebensachen zusammen gesucht!


Dann nichts wie los, in östlicher Richtung aus Astrakhan hinaus um wenig später vor einer gesperrten Brücke über einen Volga-Nebenarm zu stehen, die uns so quasi den Zutritt ins gelobte Land verunmöglicht. Das fängt ja gut an, denke ich mir, während wir durch den zunehmenden Verkehr ins Zentrum zurückkrebsen und uns den Weg über die nördliche feudalere Umfahrungsstrasse suchen müssen. Die Sonne hat sich während unserer Fahrt durch das Feuchtgebiet zur Grenze verzogen. Bei der Pontonbrücke von Krasny Yar reisst man uns den Preis für einen LKW aus, aber Fredy zieht es untypischerweise vor, ohne grosse Verhandlungen zu bezahlen, alles nur damit wir möglichst rasch weiterkommen. Vor uns ballt sich ein Gewitter zusammen, in dessen Zentrum wir präzise hineinfahren. Die Blitze zischen in alle Richtungen. Mit den ersten schweren Tropfen erreichen wir die russische Grenzstation, die glücklicherweise überdacht ist, so dass wir im Trockenen die Pässe abgeben können während auf das Blechdach über uns dichter Hagel mit entsprechender Geräuschkulisse aufschlägt. Ganze unkomplizierte 20 Minuten dauert die Verabschiedung nach unserem Kurzaufenthalt in Russland.

 
Weitere Fotos in Galerie:
Ukraine / IMG_1772-2249
 

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